WTF is Schlagerpunk? Oder: Wie Gisela lernte den Feind zu lieben.

„Wo ist denn jetzt der verdammte Haarlack?“ Gisela steht in ihrem Bad mit dem dreiseitigen Hollywoodspiegel mit den Glühbirnen oben dran und sucht entnervt nach der silbrigen Sprühdose. Leicht riechts hier immer nach Puff, was an dem illegalen Bordell ein Stock tiefer liegen könnte. Oder an der Kerze mit Kokosgeruch, die Gisela immer anzündet, bevor sie ihr Montag-Abend-Bad nimmt. „Na endlich.“ murmelt Gisela vor sich hin und zieht den Haarlack aus der Spalte zwischen Regal und Waschmaschine. Sie nimmt die Kappe ab, winkelt die Dose an und drückt auf das Ventil. „Pffffff“. Eine Sekunde vergeht, zwei und nach fünf Sekunden setzt sie die Dose ab und stellt sie auf die Waschmaschine. Ihre blonden Locken glänzen. Zufrieden blickt Gisela in den Spiegel, nimmt den feuerroten Lippenstift, den mit den toten Blattläusen, und zieht perfekte Striche über ihre schmale Lippen. Sie presst die Lippen aufeinander, macht ein paar Kussmünde, wirft den Kopf in den Nacken, ärgert sich kurz über ihre Falten und zieht nochmal den Lidstrich nach.

Eine Stunde später steht sie mit Ralle, Johnny und Ramona im „Wild at Heart“. Wie jeden Samstag steht Gisela an der Bar und bestellt einen Whiskey-Cola nach dem anderen. Spätestens nach dem vierten Glas, denkt sie immer: „Lemmy wäre stolz.“ Überhaupt Lemmy- Was würde der wohl sagen zu diesem Line Up: Robert, der Schlagerstar, Fokko Wolkenstein und Dauerwelle Wasserstoff. Als sie letzten Samstag das Plakat im Schaukasten sah, polterte Gisela los, wie sie das immer tut, wenn sie etwas nicht kennt: „Was haben die denn für schwule Outfits an? Schlagerpunk, was soll das?“ Als sie am nächsten Morgen um 4 Uhr zuhause ankommt, schaltet sie das erste Mal seit fünf Wochen wieder den Computer an. Gisela öffnete den Internet Explorer, regt sich zum zweihundersten Mal über die Bing-Suchmaschine in der Taskleiste auf und gibt dann „Dauerwelle Wasserstoff“ ein. Ein paar Videos auf Youtube. „Alles nur geklaut“, „Verdammt, ich lieb dich“, „Weiß, der Geier“. Ok, schon ganz geil, denkt sie heimlich und klappt den Rechner zu.

An der Bar steht mittlerweile auch Atzen-Tommy, der eigentlich Bernhard heißt. Seine schlohweisen Haare hat er durchzogen mit pechschwarzen Strähnen. Ein bisschen siehts nach Vogelscheuche aus. Auf der Bühne spielen Fokko Wolkenstein mittlerweile ihr letztes Stück. „Schon affenstark, die Band“ brüllt Ramona Atzen-Tommy ins Ohr, nach dem Stück über das Telefonat mit dem Chef und der Kündigung. Gisela ist mittlerweile beim vierten Glas angelangt, muss wieder an Lemmy denken und wird dann leicht auf die Seite geschoben. Sie dreht sich um, setzt an loszupöbeln und sieht nur noch einen goldglänzenden Hut an ihr vorbeiziehen. Dauerwelle Wasserstoff ziehen angefeuert von Freunden oder Fans oder beiden durch die bumsvolle Hütte und stehen ein paar Augenblicke später auf der Bühne. Vom Barrechner läuft „Temple of Love“ von Sisters of Mercy. Kurz darauf ein markerschütterndes Riff. Zehn Minuten später pogt der halbe Laden, der Rest sieht lachend zu, wie die Band einen Hit nach dem Anderen spielt: Matthias Reim, Die Prinzen, Die Doofen, Udo Jürgens. Ramona brüllt Gisela ins Ohr: „Affengeil, oder?“ „Schon bockstark.“ wirft Ralle ein. „Aber was machen die ganzen Hippies hier?“ fragt Gisela und schaut etwas belustigt und ein bisschen angewidert auf die bärtigen Hipster, die völlig unironisch die Musik ihrer Großeltern abfeiern und dabei die Hälfte ihrer Drinks verschütten. „Diese Anfänger“ denkt sich Gisela und leert ihr Glas.

Eine Stunde später steht Gisela wieder vor dem Schaukasten, draussen vor der Tür und fragt den Gitarristen: “ Meint ihr das eigentlich ernst?“ „Todernst.“ sagt der. „Wir nehmen einfach das Erstbeste aus 100 Jahren Schlager und schmeissen krachigen Punk drauf.“ Gisela bemüht sich einen angewiderten Blick aufzusetzen, sagt laut: „Ihr habt doch nen Vollschuss.“ und denkt heimlich: „Das ist die beste Band der Welt, mindestens.“ Ihre Frisur ist da schon längst zusammengefallen.

(Dieser Text basiert auf wahren Begebenheiten und ist doch ausgedacht.)

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