Freiheit für Claas Relotius!

Das Geschrei ist groß beim Spiegel. Und das Selbstmitleid auch. Der Fall des Journalistenpreis-Hamsters Claas Relotius ist dementsprechend tief. Der 33-jährige, seit ein paar Tagen, ehemalige Spiegel-Redakteur war so etwas wie ein Shootingstar der politischen Reportage und hat über Jahre hinweg Texte teilweise oder komplett zusammenfantasiert, er hat Interviews manipuliert und soll angeblich sogar Spenden von Lesern auf eigene, private Konten geleitet haben.

Pfui-Pfui-Journalismus

Das ist natürlich sehr unappetittlich, pfuipfui sowieso, wahrscheinlich sogar strafrechtlich relevant. Zu rechtfertigen ist es nicht und es ist ein krasser Verrat an journalistischen Standards. Verwundern kann es aber auch nicht. Ein Redakteur soll heute ein Alleskönner sein. Er soll aufklären und bewegen, polarisieren und einordnen, Leser binden und eine eigene Marke aufbauen. Am besten Social Media können und gleichzeitig gründlich arbeiten. Dazu kritikfähig und sendungsbewusst sein. Und das alles, um irgendwann in irgendwelchen Heiligen Hallen der Augsteins und Springers dieser Welt ein einigermaßen auskömmliches Einkommen zu erreichen. Der Weg dorthin ist, wenn man nicht gerade ein vermeintlich perfekter Musterschüler Relotius’schen Ausmaßes ist, steinig, ungewiss und mit Hungerhonoraren, unbezahlten Praktika, untertäniger Bereitschaft und Ideenklau gepflastert. Sei besser ein stahlhartes, ausgebufftes Genie mit anderen Einkommensquellen, ansonsten wird das nix- das ist die Lektion, die ich gelernt habe. Mit einem Master in Kulturjournalismus in der Tasche.

Von Kniefällen und Nabelschauen

Nabelschau ziemt sich in der Welt des Journalismus nicht. Es ist geradezu verpönt als Medienschaffender Medien zu kritisieren oder eigene Schwierigkeiten mit den Gesetzmäßigkeiten, in diesem zuweilen knallharten Business öffentlich zu machen. Wenn der Spiegel jetzt, in einen, zu Kreuze kriechenden Selbstgeißelungsduktus verfällt, kann man nur erahnen, wie schlimm es sein muss dort gerade Verantwortung zu tragen. Das klingt alles nach Beerdigung. Dabei ist, zumindest bis jetzt, niemand gestorben.

Wie Relotius gerade vor den Bus geworfen wird und auf dem Altar des eigenen Anspruchs geopfert wird, ist nicht nur ein Hinweis auf den Zynismus und Doppelstandards in Teilen der Branche, nein, es ist gefährlich. Und es wird viele brilliante Wortakrobaten, die den Journalismus nicht nur handwerklich verstehen, im besten Fall vorsichtig werden lassen. Oder sich halt gleich vom Journalismus verabschieden lassen. Vielleicht ist es besser so.

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