Mulatu und seine Geschwister : Äthiopischer Jazz im Wandel der Zeit

Äthiopischer Jazz wirkt hypnotisch, mystisch und ist doch stark in der Moderne verwurzelt. Die großen Ethio-Jazz Legenden sind heutzutage international bekannt und tragen, den mit traditionell äthiopischen Sounds angereicherten Jazz, in die ganze Welt. Ihr bekanntester Vertreter im Ausland ist Mulatu Astatke, der spätestens, seitdem er auf dem Soundtrack von Jim Jarmusch´s “ Broken Flowers“ erschien, vielen Musikbegeisterten ein Begriff sein dürfte. Der Ethio-Jazz ist längst auch außerhalb Äthiopiens angekommen. Doch wo liegen die Wurzeln dieser Stilrichtung und warum wurde dieser reiche Schatz erst ab den späten 80er Jahren weltberühmt? Eine Spurensuche.

Addis Abeba in den 60ern: In den Bars und Hotels der Stadt spielen Jazz-Orchester und Solo-Künstler mit Big Bands. Unter und trotz des autoritären Machthabers Haile Selassie entwickelt sich eine der vibrierenden Musikszenen des afrikanischen Kontinents. Meist wachsen diese Bands aus Militärkapellen zu bekannten Gruppen heran. Es herrscht ein reger Austausch zwischen den Künstlern und die gefühlte, große Freiheit. Künstlerinnen und Künstler wie Tilahun Gesesse oder Bizunesh Bekele werden ab Anfang der 60er Jahren zu Superstars, weil sie äthiopische Musiktraditionen mit Jazz, Rhythm´n´ Blues oder Soul verbinden.

Viele der neuen Superstars starteten ihre Musikkarriere in kirchlichen Chören und sind damit tief verwurzelt in rituellen und zeremoniellen Traditionen. Das Mystische im äthiopischen Pop der 60er Jahre ist eng verbunden mit den Litaneien und dem Singsang der Musik der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Ein ebenfalls großer Einfluss auf moderne äthiopische Musik ist die Volksmusik, die mit schauspielerischen Elementen vor allem im privaten Rahmen dargeboten wird. Vermischt mit dem Einfluss der internationalen Jazz-Szene ist der neu entstehende Ethio-Jazz modern im Konzept, anachronistisch im Charakter und sehr offen für den Einfluss anderer Musikrichtungen.  

Monarchie und Marxismus

Ein jähes Ende nimmt die Blütephase des äthiopischen Jazz mit dem Sturz des Monarchen Haile Selassie. Das kommunistische Derg-Regime übernimmt 1974 die Macht und installiert eine marxistisch-leninistische Staatsideologie. Oppositionelle werden gefoltert und ermordet, die Zensur greift um sich, weswegen viele der äthiopischen Jazz-Musiker in der Folge nur noch instrumentelle Stücke komponieren. Mitte der 80er Jahre trifft eine fürchterliche Hungersnot Äthiopien. Fast eine Millionen Menschen sterben, viele Äthiopier fliehen in die Nachbarländer und einige von ihnen von dort aus nach Europa oder Nordamerika. Die Hungersnot bringt Äthiopien in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Journalisten aus aller Welt reisen daraufhin in das ostafrikanische Land und bringen neben den Geschichten über Hunger, Tod und Verfolgung auch Berichte über die großen Musiktraditionen Äthiopiens in die Welt. Nach dem Sturz des Regimes Anfang der 90er Jahre, öffnet sich das Land nach außen. Die Musikerinnen und Musiker aus Äthiopien, die noch nicht im Exil lebten, dürfen in der Folge das Land verlassen und tragen Musik aus Äthiopien in die Welt hinaus.

Hailu Mergia-Taxifahrer und Globetrotter

Der Organist Hailu Mergia lebt zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre in den USA. Als Gründungsmitglied der legendären Jazz&Funk Band Walias Band spielte Mergia Anfang der Siebziger Jahre als Hausband des Hilton Addis Abeba. Walias und mit ihr der Organist Hailu Mergia wächst schnell zu einer der bekanntesten Bands der 70er und 80er Jahre in Äthiopien heran. Hailu nutzt 1981 die erste USA Tour von Walias zur Flucht vor dem Derg-Regime und bleibt in Washington DC. Einige Jahre später fischt Brian Shimkowitz von „Awesome Tapes From Africa“  Tape aus einem Plattenladen in Addis Abeba. Der Rest ist Geschichte: Hailu ist mittlerweile auf der ganzen Welt unterwegs und fährt in der verbleibenden Zeit Taxi in Washington DC. 

Hailu Mergia – Yegle Nesh


Mahmoud Ahmed- Vom „Shoeshine Boy“ zum Superstar

Auch Mahmoud Ahmed ist einer der bekanntesten Musiker aus Äthiopien. Weite Verbreitung seiner Musik brachte Ahmed die „Cassette Alley“. Mitten in Addis Abeba gelegen war die „Cassette Alley“  in den 70er und 80er Jahren ein wichtiger Ort für Musiker und Musikfans. Hier wurden Tapes verkauft, man traf sich zum Fachsimpeln über Musik und auch Mahmoud Ahmed besaß dort einen Recordshop.  Ahmed legte eine steile Karriere vom Schuhputzer zu einem der größten Stars in Äthiopien. Wie viele seiner Kollegen versuchte er sich auch an „Tezeta“, einer Ballade, die von vielen äthiopischen Musikern gesungen wurde und, ähnlich dem portugiesischen Saudade, tief im Blues verortet ist. 

Mahmoud Ahmed- Tezeta

Alemayehu Eshete- Der äthiopische Elvis

Auch Alemayehu Eshete ist eine lebende Legende der äthiopischen Popmusik und ist seit Anfang der 1960er Jahre ein Superstar in Äthiopien. Im Ausland bekannt geworden, ist Eshete´s Musik durch die „Ethiopiques“-Compilationreihe, die mittlerweile 30 Zusammenstellungen wichtiger Musiker umfasst und erstmals im Jahr 1998 erschien. Alemayehu Eshete gilt als „Äthiopischer Elvis“, was sich aber eher auf Äußerlichkeiten bezog, denn Eshete´s Musik lässt sich eher im Rhythm´n´Blues, Jazz und Soul verorten. Trotz seines Alters von 76 Jahren und trotz mehrerer Herzinfarkte, kündigte Eshete vor einigen Wochen an, entgegen anderslautender Gerüchte, seine Bühnenkarriere fortsetzen zu wollen. 

Alemayehu Eshete – Alteleyeshegnem

Der reiche Schatz äthiopischer Musik ist mittlerweile gut dokumentiert, äthiopische Musikerinnen und Musiker sind auf der ganzen Welt unterwegs und doch umwehen gerade die Originalaufnahmen der 1960er und 1970er Jahre, ein ganz eigener, mystischer Geist. Die reiche Kultur Äthiopiens fand in dieser Zeit ihre Fortsetzung in der Popkultur, die bis heute ausstrahlt. Wie sich die Musikszene Äthiopiens heutzutage anhört, beschreibe ich für euch dann ab Mitte Januar, direkt aus Äthiopien.

Mehr zur äthiopischen Musikgeschichte:

„Under African Skies: Ethiopia“(Musikdoku aus den 1980ern)

„Ethiopiques and Francis Falseto“(Doku-Snippet)

„Journey of Ethiopian Music“(Insigth Ethiopia-Doku)

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